
Tage können anders sein, das Leben auch by Sonnenblume
Die Sonnenstrahlen kitzelten meine seit vier Tagen gänzlich verschnupfte Nase zärtlich. Ein schönes Gefühl, wenn man bedenkt, dass ich eigentlich so gut wie von meinem Geruchssinn befreit war. Heute würde es wohl zum wiederholten Male nicht zu einem Schulbesuch kommen. Abgesehen davon, dass es schon 10 Uhr war. Ich wälzte mich langsam aus meinem Bett und lag seitwärts auf dem Boden. Keine wirklich angenehme Position um weiter zu träumen und schließlich schlurfte ich torkelnd ins Bad. Die Zahnpasta, die Zahnbürste und mein Kamm grinsten mich frech an, was meinen misslungenen Tagesstart nicht wirklich versüßte. Ich beschloss das Zähneputzen heute auszulassen, genauso wie schon an den restlichen vier Tagen, die ich jetzt zu Hause vor dem Computer, Fernseher oder im Bett verbrachte. Meine Eltern waren auf Arbeit und kamen erst spät Abends nach Hause. Also nicht wirklich viel Aufmerksamkeit, vor allem, wenn man bedenkt, dass es bis jetzt noch nicht einmal zu einem Arztbesuch gereicht hat. Jämmerlich blickte ich in das geschwollene Gesicht im Spiegel. Kann es nicht endlich vorbei sein?! Stolpernd krachte ich die Treppe herunter, um mir die letzten Reste der seit drei Monaten abgelaufenen Cornflakes in eine Tasse zu füllen. Zum Glück war wenigstens die Milch noch "genießbar".
Ungeduldig wartete ich am Schuleingang, doch weit und breit keine Spur von ihr. Wahrscheinlich hatte sie immer noch ihren "ach so schlimmen" Schnupfen. Und höchstwahrscheinlich würde sie auch gerade zu Hause im Bett liegen und schlafen. Ich warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Naja, sonderlich kurz war er nicht, weil ich mit meiner vollkommen falsch eingestellten Brille immer länger brauchte als andere, um etwas zu sehen. Dreiviertel Acht entzifferte ich der großen Schuluhr. Höchste Zeit sich in die Schule zu begeben. Aber die letzte Hoffnung, dass meine Freundin vielleicht doch noch kommen würde, gab ich auch jetzt endgültig auf. Als letzte zwängte ich mich durch die fast geschlossene Tür, seufzte und schwang mich die Treppe zum Klassenzimmer empor.
"Die Schule muss eher anfangen", dachte ich bei mir und packte das Lehrbuch, die miserabel ausgefallene Klassenarbeit und meine Lesebrille aus. Auch die letzten Schüler kamen nun hineingeschlurft. So motiviert wie immer. Ich begann meine tägliche Ermahnung, wegen der ich schon einige mürrische Seufzer eingesteckt habe. Außerdem standen bald noch die Elterngespräche über die "unangenehm auffallenden" Schüler an. Wobei ich wohl über jedes Klassenmitglied etwas zu sagen hatte. Denn Musterschüler hatte ich beim besten Willen nicht zugeteilt bekommen. Eine traurige Bilanz. Ich zückte den Kuli und trug die Namen der fehlenden Schüler ein, nur einer fehlte. Zudem seit vier Tagen entschuldigt. Der Herbst hatte begonnen und seine Erkältungen auch. Die Schulglocke klingelte. Die Stunde begann.
Genauso verschieden Menschen sind, so verschieden ist auch ihre Lebensweise. Jeder sieht eine Situation anders, fühlt, denkt, riecht, schmeckt und hört anders als ein Anderer. Egal ob krank, Schüler oder Lehrer.
Aus der 20. Ausgabe vom 20.06.2010