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Der Schein trügt by fairy tale
Serafina Schön
Serafina Schön stieg aus ihrem Himmelbett mit dem rosaroten Vorhang aus chinesischer Seide. Sie schüttelte ihr langes, schwarzes Haar und dachte, dass sie sie dringend wieder waschen musste. Seit gestern Abend ist ja so viel Zeit vergangen, sie sind schon ganz fettig!, dachte sie und begutachtete als nächstes ihre zwei Zentimeter langen Nägel, die mit Pailletten verschönt waren. Nach zwei Sekunden Betrachten, schrie sie auf. Vor Schluchzen geschüttelt ließ sie sich auf ihr Bett sinken.
"Da ist ein Kratzer!", kreischte sie. "Darling, ruf sofort die Nagelstylistin an!" Ihr Mann, der neben ihr lag, schreckte hoch. "Bereite mir mal mein Milchbad vor und ruf die Nagelstylistin. Spätestens morgen muss sie kommen!", schniefte Serafina Schön und schaute immer noch entsetzt auf ihren Fingernagel. Nach drei Minuten schniefen kam ihr der Gedanke, dass ihre Augen ja anschwellen, wenn sie weinte, also hörte sie auf. Auf ihren High-Heels stöckelte sie in nichts, als einem hauchdünnen Nachthemd ins Bad. Ihr Mann musste sich natürlich die Augenzuhalten, denn er durfte sie ja nicht ungeschminkt sehen.
"Du kannst gehen", hauchte Serafina Schön ihrem Mann Simon Sexy ins Ohr. Dieser verschwand sofort, um noch etwas Schlaf abzukriegen, denn er musste Serafina ja die ganze Nacht die Füße massieren, damit die Haut schön zart blieb. Und nachher musste er mit ihr shoppen gehen. Serafina zog sich aus und entdeckte ein Haar auf ihren frisch rasierten Beinen. Nach einer Schreckenssekunde holte sie sofort ihren Epilierer aus dem Schrank und entfernte es sorgfältig, bevor sie in ihr Bad aus Milch stieg. Sie schaute auf die Uhr, da sie exakt sechsundzwanzig Minuten drinbleiben durfte. Nachdem sie sich ausgerechnet hatte, um wie viel Uhr sie aus dem Bad steigen musste, wandte sie sich ihren Haaren zu. Sie wusch sie einmal mit Anti-SchuppenShampoo, danach mit einem Glanz-Shampoo, und danach mit einem Shampoo, das gegen den nicht vorhandenen Haarausfall ankämpfte. Am Schluss rieb sie es noch mit einer Haarkur ein, die Haarbruch verringern sollte. Nach exakt sechsundzwanzig Minuten stieg sie aus dem Wasser und rieb sich die Milch von der Haut. Natürlich nur ganz leicht, damit ihre Haut nicht schuppte. Nachdem Serafina Schön ihre Haare mit Schaumfestiger eingerieben hatte, föhnte sie sie gründlich. Aber natürlich mit ihrem Föhn, der nicht zu warme Luft auf ihr Haupt blies, sonst könnten die Haare ja Spliss bekommen. Als ihre Haare trocken und voller Volumen waren, rieb sie sich mit drei verschiedenen Bodylotionen ein. Während diese einzogen, stellte sie sich auf die Wage. Erschreckt stellte sie fest, dass sie 36,8 Kilogramm wog, anstatt den üblichen sechsunddreißig. Da hätte sie bei der Hochzeit am Wochenende wohl nicht so zuschlagen sollen. Nachdem sie sämtliche Speisen für den heutigen Tag in Gedanken gestrichen hatte, suchte sie die nächste Stunde lang ihre Kleider zusammen. So lang durfte Simon Sexy ins Bad. Als Serafina Schön ganz eingekleidet war, scheuchte sie ihren Mann aus dem Bad um sich zu schminken. Als auch das geschehen war, ging sie runter in die Küche zu ihrem Mann.
"Was steht heute an, Schatz?", fragte sie, während Simon ihr eine Tasse Tee vor die Nase stellte. Er hatte den Teebeutel exakt acht Minuten drin gelassen, wie Serafina es wollte. Sie nahm einen Schluck, rümpfte die Nase und schimpfte: "Viel zu süß! Ich habe sowieso zugenommen, willst du mich jetzt mit dem Zuckermästen? Außerdem hast du meine Frage noch nicht beantwortet. Was steht heute denn an?"
"Standesamt", knurrte Simon. "Was?", flötete Serafina. "Ich lasse mich von dir scheiden!", brüllte Simon. "Ich habe deinen ewigen Schönheitswahn satt! Du magst wohl schön sein, aber dein Charakter ist potthässlich!" Damit schmiss er seine Kaffeetasse auf den Boden, so dass sie in tausend Teile zersprang und rannte aus dem Haus. Er hinterließ nichts, außer Serafina Schön, die ihren Lidstrich kontrollierte.
Henriette Hässlich
Henriette Hässlich schaltete den Wecker aus, der neben ihrem Bett zu piepen begann.
"Guten Morgen, Liebling!", begrüßte sie ihr Mann Ullrich Unsportlich. Er trug ein Tablett auf den Armen. "Wie wär's mit Frühstück im Bett?", fragte er. Henriette Hässlich nickte begeistert. Mit einer schnellen Geste hatte sie sich ihr fettiges Haar aus der Stirn gewischt. Ihr nicht weniger fettiges Gesicht strahlte vor Freude. Ullrich Unsportlich stellte das Tablett ab. Auf seinem schmutzigen T-Shirt hatte sich schon wieder ein Kaffeefleck gebildet, den er aber nicht weiter beachtete. Nach dem Frühstück ging Henriette Hässlich ins Bad um sich fertig zu machen. Etwas Wasser ins Gesicht, Kleider angezogen, fertig. Sie stellte sich noch schnell auf die Waage, doch die Tatsache, dass sie nicht auf das Anzeigeblatt sehen konnte, denn ihr Bauch verdeckte ihr die Sicht, hielt sie davon ab, sich Sorgen über ihr Übergewicht zu machen. Ein kurzer Blick in den Spiegel versicherte Henriette Hässlich, dass sie sich seit gestern Abend nicht sehr verändert hatte. Vielleicht war der eine oder andere Pickel dazugekommen, oder verschwunden, was eher unwahrscheinlich war. Die Haare glänzten etwas mehr, aber sonst hatte sich nichts verändert. Henriette Hässlich sprang die letzten drei Stufen der Treppe herunter und landete mit einem lauten Knall auf dem Parkett. Dieser Tag war einfach wundervoll. Sie gab Ullrich Unsportlich einen Kuss auf die unrasierte Wange und verschwand zu ihrem Job. Sie war ehrenamtliche Mitarbeiterin in der Stadtbibliothek. Auf dem Weg dorthin strahlte sie mit der Sonne um die Wette. Ihr Leben verlief perfekt zurzeit. Sie war zwar nicht die Schönheit in Person, aber sie hatte einen Mann, der sie liebte, einen Job, der ihr Spaß machte, und ein sicheres Dach über dem Kopf. An der Bushaltestelle ließ sich Henriette auf einen der unbequemen Drahtstühle sinken. Sie beobachtete das gegenüberliegende Haus. Dort lebte Serafina Schön. Sie war Model und sehr hübsch. Ihr Leben war perfekt. Sie war nämlich auch noch glücklich verheiratet und hatte viel Geld.
"Ich lasse mich von dir scheiden!", schallte es plötzlich aus dem einem Fenster. Kurz darauf ging die Tür auf. Simon Sexy, der attraktive Mann von Serafina Schön, rannte aus dem Haus. Erschreckt schaute Henriette Hässlich ihm nach. "Tja", murmelte sie dann leise in sich hinein. "Der Schein trügt. Aussehen ist nicht alles." Wer ist jetzt schöner? Serafina Schön, die sich lieber um ihren Lidstrich kümmerte, als um ihren Mann, der auf dem Weg zum Standesamt war, oder Henriette Hässlich, die mit einem Ehrenamt den Menschen half und glücklich liebte und geliebt wurde?
Der Schein trügt, Aussehen ist nicht alles.
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Aus der 5. Ausgabe vom 12.01.2009.