
Folge 3: My Ug(g)ly Boots by Anna
So sehr ich mir den Sommer auch wünsche, es wird nichts. Es schneit seit Wochen und wenn die Temperaturen in den Plus-Bereich hüpfen und die weiße Masse ein bisschen abschmilzt, kommen wenige Tage später schon die neuesten Wettervorhersagen mit niederschmetternden Neuigkeiten: Wieder Schnee. Überall in Deutschland.
Der bringt klamottentechnisch vor allem eines mit sich: den Lagenlook, eine sinnvolle Zwangsmodeerscheinung, die in meinem Fall beispielsweise aus Top, einem weiteren Top, einem Strickcardigan, einem Pullover, einer Fleecejacke und einem Mantel besteht. Selbst unter der Jeans wird je nach Bedarf eine Strumpfhose getragen. Nun stellt sich eigentlich nur noch die Frage nach dem passenden - und in diesem Falle auch praktischen - Schuhwerk ...
Versteht mich bitte nicht falsch, ich besitze durchaus paarweise Stiefel und Ankleboots, die im Winter auch ihren Zweck erfüllen. Dieser Teil meiner Kolumne soll also keineswegs aufzeigen, es gäbe keine stylishen Schuhe für die eisigen Temperaturen. Ich möchte eher auf eine Art Gewissenskonflikt eingehen, den ich seit einigen Wochen mit mir selbst austrage ...
Als ich Anfang des Winters durch die Schuhgeschäfte streifte und mich danach umsah, was die Modeindustrie in dieser Jahreszeit für unsere Füße bereithalten würde, fielen sie mir plötzlich ins Auge ... "Oh nein! Ich dachte, ihr wärt für immer aus der Mode verbannt? Man hat euch doch vor drei Jahren schon als lächerlichen Trend abgeschrieben! Was steht ihr also wieder hier herum und preist euch in eurer totalen Hässlichkeit in den Schuhläden dieser Welt an?" Irritiert verließ ich das Geschäft ...
Die Ugg-Boots sind zurück. Diese mutierte Gattung der Schuhe kann man in sämtlichen Höhen, von knöchel- bis knielang, erwerben. Sie erschienen erstmals vor einigen Jahren in den Modemagazinen und schon damals provozierten sie Kontroversen. Man war sich nicht einig, ob diese Art des Stiefels, dessen Vorteil vor allem in der einzigartig wärmenden Schafsfellfütterung liegt, ein neuartiger und revolutionärer Meilenstein in der Schuhmode war oder ob die Ungetüme, ähnlich wie Crocs, in die Unästhetik-Akte einzuordnen waren. Da sie vor allem die Beine kleiner Frauen kürzer und deren Umfang größer erscheinen lassen, verging diese Modeerscheinung schnell wieder.
Und nun, im Winter 2009/2010 sind die Uggs zurück. Wochenlang versuchte ich sie zu ignorieren. Einige wichtige Modemagazine brachten ganze Fotostrecken und Reportagen zu den Stiefeln. War es auf einmal ok, Ugg-Boots zu tragen? Ich blieb eisern. Bis zum Tag X. Ein reduziertes Paar gab meinem Durchhaltevermögen den Rest. Ich dachte, in schwarz seien sie vielleicht weniger auffallend und richtig kombiniert ließen sich die kalten Tage möglicherweise etwas angenehmer durchstehen. Nun besitze ich die guten Stücke bereits seit über zwei Monaten und mein Gefühl, wenn ich sie trage ist immer noch dasselbe wie beim ersten Mal. Ich komme mir klein und plump vor sowie gegen jegliche Mode-Regeln verstoßend. Ist es falsch, Styling-Regeln aufgrund extremer Wetterverhältnisse über Bord zu werfen und sich dem Pragmatismus hinzugeben? Nun, als überzeugter Fashion-Ästhet antworte ich mit einem entschiedenen Jein. Sicherlich ist schon allein die gigantische Form dieser Schuhart ein Hässlichkeitsfaktor der höchsten Kategorie. Eine Frau, die Größe 36 trägt und somit eine "S", die ja bekanntlich "small" bedeutet, wirkt darin pummelig. Allerdings kann man aus der Misere auch noch das beste machen. Wenn man um die Uggs nicht herum kommt, gilt es, einige kleine Richtlinien zu beachten: Der Farbkontrast zwischen Hose und Boots sollte nicht zu groß sein. Er stört die Beinproportionen und wirkt extrem unvorteilhaft, vor allem, wenn die Trägerin keine 1,80 Meter groß ist. Außerdem sollte auf weit geschnittene Oberteile verzichtet werden. Babydoll-Shirts sind hierbei besonders gefährlich, da ein voluminöser Oberkörper plus einer voluminösen Beinpartie zweifelsfrei eine voluminöse Gesamterscheinung ergibt. Tailliert geschnittene Pullover in schlichten Farben bieten sich in der Ugg-Kombination besser an. Zudem gilt die Devise: Große Accessoires und Taschen machen die Trägerin kleiner und rundlicher.
Letztendlich schaue ich aus dem Fenster und sehe Schnee soweit das Auge reicht. Ein weiterer Blick auf das Thermometer lässt wenig Hoffnung auf Besserung zu ... Wie gut, dass ich meine Ugg-Boots habe, die mir permanent warme, trockene Füße bescheren ;-)
Da kann ich doch getrost über ihre Schönheitsfehler hinwegsehen.
Aus der 16. Ausgabe vom 21.02.2010