Zur virtuellen Zeitung
Keksi erklärt sich die Welt 1 by Keksi
Irgendetwas läuft hier falsch ...
... und zwar ganz gewaltig.
Es ist kurz vor halb sieben an einem Dienstagmorgen. Ich stehe im Badezimmer und versuche mit letzter Kraft ein bisschen, ein ganz, ganz, ganz, ganz kleines bisschen Inhalt aus der Tube zu quetschen. Da muss doch noch etwas drin sein! Los, komm schon, nur noch ein bisschen, nur noch für heute, dann geh ich später neues kaufen. Waschgel kann süchtig machen. Vor allem dieses. Danach fühlt man sich so zaubertoll sauber!
Ich stehe jetzt also da, das halbe Gesicht schon mit der grün-blauen Schmiere eingerieben, die andere Hälfte hilflos nackt - Und jetzt? Super, dann halt eben im Spargang erfrischen. Dafür kann ich mich morgen dann auf eine doppelte Ladung freuen, denke ich mir, während ich mein Gesicht wieder von dem Zeug befreie und mich ans Anmalen mache. Und dann - Scheiße. Muss das denn jetzt sein? Wieso auch noch mein Lidschatten?! Der ist doch so schön
... lidschattig. Alles in allem ein nicht gerade toller Morgen.
Ich komme also aus der Schule, schnappe mir etwas Geld und auf geht's zum Drogeriemarkt. Es wird sich durch die Reihen gewühlt, bis ich vor der richtigen Abteilung stehe: Waschgels, Peelings
und all dieser Kram, der jeden Morgen erträglicher macht. Ich stehe da. Und gucke. Und suche. Und stehe. Einatmen. Ausatmen. Da fehlt doch etwas, oder? Meine Hand tastet sich suchend nach vorne, mein Finger zieht die Linie der Preisschildchen nach. Hey, da fehlt was! Wo ist denn mein Waschgel? Wo ist denn das tolle Waschgel? Das erfrischende Waschgel? Wooo? Mittlerweile stehe ich sieben Minuten vor dem Regal. Eine Verkäuferin beginnt sich zu wundern und kommt auf mich zugetackelt.
"Kann ich ihnen helfen?" Ich schaue sie mit großen Augen an, meine Unterlippe zittert leicht.
"Wo, wo ist denn das Waschgel?" Und als sie mir dann erklärt, dass das Produkt leider nicht mehr hergestellt und verkauft wird, bin ich völlig am Ende. Mit weichen Knien begebe ich mich zur Lidschatten-Fraktion. Doch nach weiteren sieben Minuten stelle ich auch hier fest, dass mein Lidschatten nicht mehr hergestellt wird. Irgendetwas läuft hier ganz gewaltig falsch, denke ich mir und
verlasse mit hängendem Kopf den Drogeriemarkt. Mich für ein anderes Produkt zu entscheiden, nein, dazu fehlt mir gerade die Kraft. Da muss ich halt morgen wiederkommen, wenn ich mich gesammelt habe. Aber - warum denn? Warum gibt's
meine lebenswichtigen Utensilien nicht mehr? Wer erfindet denn so schnell neuen Kram - und beschließt dann, den alten einfach nicht mehr herzustellen? "Waruuum?", maule ich im Geiste. Ich möchte doch nur mein Waschgel und meinen Lidschatten haben - muss man denn jetzt schon alles auf Vorrat kaufen?
Hobbypsychologen raten zu einem solchen Massenkauf. "Es handelt sich hierbei um einen krassen Vertrauensbruch zwischen Produkt und Verbraucher. Durch das Absetzen guter Waschgels steigt die Arbeitslosenrate.
Viele sind vollkommen verzweifelt. Denn wer morgens vor einer leeren Tube steht, startet mit wenig Elan in den neuen Tag. Und wer nachmittags vor einem Regal steht, in dem das Lieblingswaschgel nicht steht, dem fehlt das Erfolgserlebnis. Wie, das fragen wir uns, soll da eine Jugend heranwachsen, die Deutschland repräsentiert?", äußert sich 'amoklaufendes Klopapier' zu diesem Thema. Ich befrage sie, was sie vom Fehlen und dem Stoppen
der Produktion von bestimmten Lidschatten hält, doch sie schüttelt nur traurig den Kopf. Traurig möchte ich auch sein, denn die Wahl eines neuen Produkts ist gar nicht so leicht. Der Waschgelmarkt ist überschwemmt von neuen Angeboten und beinahe täglich erscheint ein Update für die bessere Hautverträglichkeit. Wer da noch nicht auf dem neusten Stand ist, bleibt sehr
schnell auf der dermatologisch getesteten Strecke. Bis man das richtige Produkt, welches die Persönlichkeit perfekt ergänzt, gefunden hat, ist bereits ein neues Modell auf dem Markt. Viele kommen da nicht mit und verlangen das Einstellen der neuen Produktion. Doch der Markt möchte nicht auf der Stelle treten. Die Hersteller drängt es, das perfekte Waschgel zu entwerfen, auch wenn der Verbraucher darunter leiden muss.
Was also tun? Können wir uns denn gar nicht wehren?, frage ich mich. Doch jeglicher Protest ist zwecklos,
Deutschland ist dem Waschgelwahn hilflos ausgeliefert. Und so bleibt auch mir nichts weiter übrig, als mich nach Stunden qualvoller Auswahl schließlich für ein neues Produkt zu entscheiden. Wie ich die zwei vollen Einkaufswagen nach Hause bringen werde, darüber muss ich noch nachdenken. Doch eins ist gewiss: Keksi lässt sich nicht unterkriegen und wird diesem Produkt für die nächsten Jahre treu bleiben! Wer die Frage des Lidschattens jedoch klärt, ist noch unentschieden.
»Einen Kommentar schreiben
Aus der 5. Ausgabe vom 12.01.2009.
