Was mich angeht: Magersucht by Nadjen
"Die sieht aus als wäre sie magersüchtig", dieser Spruch ist schon mal von anderen zu hören, wenn man einer extrem schlanken Person begegnet. Was fällt dir ein, wenn du den Begriff Magersucht hörst?
Vielleicht übertrieben dünne Mädchen, die unbedingt einmal Model werden wollen oder es schon sind. Oder du musst an Leute denken, die nur sehr wenig essen und immer weniger als du auf ihrem Teller liegen haben. Bestimmt hast du schon einmal davon gehört, dass sich manche Menschen übergeben wollen, damit sich das Gegessene nicht als unnötiges Polster ansetzt.
Aber Magersucht ist mehr als nur eine Feststellung von übertriebener Schlankheit. Magersucht ist eine Krankheit. Eine psychische Störung, auch Essstörung genannt.
Die Betroffenen nehmen ab und leiden schließlich an Untergewicht. Die meisten finden sich dennoch zu dick.
Wer unter Magersucht leidet, ist auch sehr anfällig für andere Krankheiten.
Unter Magersucht leiden sehr viele Menschen, dennoch wird die Krankheit oft nicht beachtet oder wahrgenommen. Auch gehen viele zu locker damit um. Denn gerade Teenager sind schnell in Gefahr, magersüchtig zu werden. Trotzdem wollen viele abnehmen, denn sie fühlen sich nicht wohl in ihrem Körper. Selbst manche schlanke Teenys haben ein schlechtes Selbstwertgefühl und wollen abnehmen.
Doch Diäten sind der falsche Weg. Sport machen, hilft auch schon etwas.
Mir ist das Thema Magersucht sehr wichtig, denn diese Krankheit hat das Leben meiner Freundin völlig verändert. Und selbst für mich hat ihre Magersucht einiges durcheinander geworfen.
Ich will euch davon erzählen, denn mich hat dieser Schicksalsschlag sehr getroffen, auch wenn ich das manchmal gar nicht richtig wahrhaben will.
Jocelyn* war eine sehr gute Freundin von mir. Ich hatte sie gerade erst so richtig kennengelernt und wir waren noch nicht länger als ein Jahr richtig dicke Freundinnen. Ich habe sie sehr gemocht und wir waren zusammen mit einer anderen Freundin, Selina*, in einem Verein. Wir hatten immer sehr viel Spaß zusammen. Jocelyn war zwar ein wenig jünger als ich, aber sie war schon immer ziemlich erwachsen. Sie stand auf ihren eigenen Beinen, das fand ich sehr bewundernswert. Sie hat ihr Leben fast alleine in die Hand genommen, obwohl sie noch nicht sehr alt war. Bis auf ihre Größe fiel der Altersunterschied also nie so richtig auf. Aber vielleicht war das der Fehler, dass sich meine Freundin zu viel zugetraut hat. Und dass sie so viel Stress hatte, kann auch der Ausschlag gewesen sein. So richtig weiß ich es nicht. Jocelyn war immer mit sich selbst zufrieden. Sie stellte sich nie vor den Spiegel und meinte, sie sei zu dick. Sie hatte eine schlanke Figur und war etwas zierlich. Sie war Vegetarierin. Ansonsten viel mir nichts an ihrem Essensstil auf. Was mich im Nachhinein verwundert ist, dass sie nie an sich herumgemäkelt hatte, wie meine andere Freundin, die sich ständig zu dick fand. Jocelyn, Selina und ich haben uns immer regelmäßig gesehen. Dann veränderte sie sich. Wir hatten uns nichts dabei gedacht. Sie kam nicht mehr regelmäßig zum Verein und erzählte nur noch wenig von sich. Dann hatten wir eine Weihnachtsfeier im Verein. Das war das letzte Mal, dass ich sie gesehen hatte.
Bei dieser Feier wusste sie bereits, dass sie unter Magersucht litt und dass sie deshalb eine Therapie machen musste. Aber sie sagte uns nichts. Uns fiel schon auf, dass sie blasser war uns zerbrechlicher wirkte, aber sie meinte, das kommt, weil sie ja gerade erst krank war und ansonsten ginge es ihr ganz gut. Wir glaubten ihr.
Doch was wir dann durch Zufall erfuhren, war für uns ein Schock.
Unsere Freundin, die immer selbstbewusst und sicher wirkte, litt unter Magersucht. Und sie hatte uns beiden kein Sterbenswörtchen anvertraut. Nichts. Wir waren geschockt. Wir hatten gedacht, dass wir sehr eng mit ihr befreundet waren, aber da hatten wir uns wohl geirrt. Wir wussten gar nichts von ihr.
Ich war total fertig. Zuerst war ich sauer auf Jocelyn, weil sie nichts gesagt hatte, sich nicht verabschiedet hatte: Dann auf mich selbst, dass ich nichts bemerkt hatte. Und dass ich nicht wusste, wie ich jetzt mit ihr umgehen sollte. Wir telefonierten noch einmal, sie war anders, aber immer noch Jocelyn. Sie hatte keine Begründung, warum sie es mir nicht gesagt hatte. Ich nahm es so hin und vergab ihr. Mein Vorhaben war, ihr in dieser schweren Zeit zu helfen. Ich machte so viel, wie ich konnte. Während sie weg war, in Kur, schrieb ich ihr Briefe. Ich berichtete von dem Leben im Verein, von mir, von schönen Sachen und gab ihr mein Versprechen, dass wir gleich wenn sie zurückkäme gemeinsam etwas unternehmen wollten.
Wir schrieben auch regelmäßig SMS. Sie wollte mir Bescheid sagen, wenn sie wieder daheim war. Aber ich bekam keine Antworten mehr von ihr. Irgendwann rief ich bei Jocelyn daheim an und fragte, wann sie zurückkäme. Sie war schon daheim. Ich redete mit ihr. Aber sie wirkte abweisend. Dann gab ich es auf, mich mit ihr zu unterhalten. Sie rief auch nicht mehr an. Aus unserem Treffen wurde nichts. Ich wollte meine Freundin nicht verlieren und rief sie wieder an. Auch dieses Gespräch war einsilbig und merkwürdig.
Selina regte sich über Jocelyn auf. Wir haben immer versucht ihr eine gute Freundin zu sein. Und sie nimmt unsere Hilfe nicht an. Selina hatte recht.
Meine Enttäuschung verwandelte sich in Wut.
Dann wußte ich nicht mehr, ob ich wütend sein sollte. Denn meine ehemalige Freundin schrieb mir einen Brief. Darin erklärte sie mir, dass sie ein neues Leben anfangen wolle.
Sie war auf eine neue Schule gegangen und hatte alles aufgegeben. Ihre Hobbys, den Spaß, Partys und die alten Freunde. Sie bat mich, sie zu verstehen. Es tat mir weh, unsere Freundschaft einfach so in den Seilen hängen zu lassen. Oder eben sie zu beenden. Sie war so eine gute Freundin. Aber sie hatte sich verändert. Die Magersucht hat alles geändert. Wahrscheinlich war die Krankheit nur ein kleiner Anschub zu diesem neuen Leben. Ich weiß es nicht. Dennoch, ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass Jocelyn sich irgendwann bei mir meldet und fragt, wann wir denn unser Treffen stattfinden lassen, denn ich vermisse sie sehr.
Ich weiß nicht viel über die eigentliche Krankheit, die Jocelyn hatte. Ich hätte ihr so gerne Fragen gestellt. Ich weiß, dass die Magersucht das ganze Leben meiner Freundin verändert hat. Ich wüsste so gerne, ob sie ihr altes Leben vermisst. Aber ich akzeptiere ihre Entscheidung, dass sie keinen Kontakt mehr zu uns und vor allem ihrer Vergangenheit haben will.
Mich beschäftigt das Thema Magersucht seitdem sehr viel mehr. Ich reagiere empfindlich, wenn ich höre, dass jemand magersüchtig aussieht oder dünne Leute abnehmen wollen und nur noch so wenig essen wie möglich. Ich weiß nicht, wieso Jocelyn magersüchtig wurde, aber ich würde sie sehr gerne fragen. Und noch vieles mehr ...
Dennoch, eines weiß ich, die Krankheit ist nicht einfach, weder für einen selbst, noch für die Freunde.
(*Namen geändert!)
1 Kommentar:
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Name: piggeldyKommentar: Das ist ein wunderbarer Text. Ich musste mich selbst eine Zeit lang mit dem Thema viel auseinandersetzen. Du hast die Gefühle genau richtig in Worte gefasst.
Am 04.11.2010, 13:20 Uhr
Aus der 23. Ausgabe vom 31.10.2010
