
Folge 6 by Melanie
Atzinnen und Atzen - in den 50-ern war es noch ein anderes Wort für "Bruder", das von Berliner Senioren benutzt wurde, heute steht es für Partygänger mit Geschmacksverirrung, beziehungsweise Anhänger von 'Manny Marc' und 'Frauenarzt'.
Diese zwei Interpreten haben mit der "Atzenmusik" einen neuen Musikstil, wenn nicht sogar einen neuen Kult, ins Leben gerufen. Im September 2008 erschien das erste Album "Atzenmusik Vol. 1", hauptsächlich mit Songs von 'Manny Marc' und 'Frauenarzt', was zunächst nicht großartig interessiert hat. Doch 2009 ging mit der Single "Das geht ab" eine wahre Lawine los. Jetzt ist Atzenmusik auf keiner Party mehr wegzudenken und das zweite Album mit 61 Tracks auf drei CDs ist auch schon erhältlich. Inspiriert von jahrelangen Diskoerfahrungen und Urlaub auf Mallorca haben 'Manny Marc' und 'Frauenarzt' in Zusammenarbeit mit zahlreichen anderen Interpreten einen Wust an sinn- und vor allen Dingen niveaulosen Texten und primitiven Beats produziert. Als geschmackvoller Diskogänger muss man sich schon ins Koma trinken - was sicherlich nicht zu empfehlen ist - um diese Musik zu ertragen. Alle anderen können sich in ihrer Partystimmung wohl bestens mit Textzeilen wie "Eins, zwei, drei, -Oberkörper frei. Vier, fünf, sechs - Wir wollen Sex!" identifizieren oder schalten einfach gleich ab und bewegen sich zu den einfallslosen Beats.
Doch nicht nur in den Diskos, sondern auch in den Charts hat sich die Atzenmusik bestens etabliert. Die erste Single "Das geht ab" schaffte es bis auf Platz acht der deutschen Singlecharts, "Discopogo" belegte sogar Platz zwei. Dass der Trend in den Charts immer mehr hin zu Partymusik und immer mehr weg von Liedern mit Aussage geht, ist wohl unter anderem den Atzen zu verdanken. Diese Anhänger des neuen Partykults kaufen sich knallige Cappies auf denen unübersehbar "ATZE!" zu lesen ist oder laufen mit sogenannten "Atzenshades" durch die Gegend. Das sind Plastikbrillen mit Querbalken anstatt Brillengläsern. Man hätte eher etwas erfinden sollen, das anstatt der Sicht, das Hörvermögen einschränkt. Aber von "Atzenohrophax" wären die Atzinnen und Atzen leider nicht sehr begeistert, der Rest der Bevölkerung allerdings schon.
Aus der 17. Ausgabe vom 28.03.2010