Folge 8 by Melanie


Verkleidungen und crazy Szenen à la Lady Gaga, eine Tanzszene im Regen wie bei "Step up 2", sehr weibliche Choreografien ähnlich Beyoncé und übertriebene Sexyness à la Britney Spears - im Video zur neuen Single "Not Myself Tonight" von Christina Aguilera ist der Name Programm.

Auch für ihr neues Album, das im Juni erscheinen wird, wäre dieser Titel gar nicht so unpassend. Stattdessen trägt es den Titel "Bionic", zu deutsch "bionisch", der schon auf die neuen, für Aguilera untypischen, Einflüsse hinweist.

Wir befinden uns in einer Zeit, in der die Charts von Partysongs ohne wichtige Aussage regiert werden.Will man weit nach vorne, muss man sich dem entweder anpassen oder bei "Deutschland sucht den Superstar" gewinnen, weil dort der Siegersong obligatorisch auf dem ersten Platz landet. Da Christina "DSDS" wirklich nicht nötig hat, mussten wohl Partysongs her. Das ist zumindest der erste Eindruck, der durch die Veröffentlichung von "Not myself tonight" und dem dazugehörigen Video entsteht. Auch der Introtrack "Bionic" lässt Schlimmes befürchten. Elektronische Sounds ohne Gesang mit zwischengeschalteten Sequenzen von jeweils einem Song aus ihren bisherigen Alben. Es zeigt immerhin, dass sie ihre Wurzeln nicht vergessen hat, aber der restliche Teil des Intros lässt jeden Fan, der Songs wie "Hurt" liebt, schreiend davon rennen und erinnert sehr an den Sound der Black Eyed Peas auf dem Album "The E.N.D.". So viel zum Thema individuell.

Der nächste Song, den ich zum Probehören finde - "Glam" - bestätigt meinen bisherigen Eindruck: Stimmung statt Stimme. Ein wahrer Lichtblick ist dagegen der Titel "Lift Me Up", den sie bei "Hope for Haiti" performt hat, denn er tanzt gnadenlos im positiven Sinn aus der Reihe: Klavierbegleitung, wundervolle Stimme, tiefgründige Aussage. An den bisherigen Reaktionen auf die neuen Songs sieht man, dass ihre Fans solche Songs deutlich bevorzugen.

Eingefleischte Fans haben allerdings schon mehrere solcher Imagewechsel miterlebt. Los ging es als unschuldiges junges Mädchen mit Popsongs wie"Genie In A Bottle". Drei Jahre später, mit der Veröffentlichung des Albums "Stripped", war von Unschuldigkeit keine Spur mehr. Der Titel beschreibt gar nicht so unpassend ihre damaligen Outfits. Doch insgesamt machte das Album sie zu einer herausstechenden Künstlerin. Weiter ging es im Marilyn Monroe-Look und mit dem Album "Back To Basics". Hier findet man plötzlich jazzige Einflüsse in Songs wie "Ain't No Other Man" und außerdem die Hammerballade "Hurt". Solche Balladen sind das einzige, was die drei Alben miteinander verbindet. Sowohl ihre Outfits als auch die Up-Temposongs haben schon einige Stilwechsel mitgemacht. Letztes Jahr erschien dann das Best of-Album "A Decade Of Hits" inklusive dem neuen Titel "Keeps Getting Better". Dieser ließ schon befürchten, in welche Richtung das neue Album jetzt gehen würde.

Die Frage dabei ist, ob Christina Aguilera jetzt zur Mitläuferin geworden ist, um auf der Erfolgswelle mitschwimmen zu können oder ob sie im Showbiz sowieso noch nie sie selbst war. Wahrscheinlich trifft beides zu. Dass die neue Musikrichtung des Albums und das Video zu "Not Myself Tonight" viel zu sehr an momentan erfolgreiche Künstler wie Lady Gaga erinnern und dass sie, wie gesagt, schon einige Imagewechsel durchgemacht hat, sprechen stark dafür. Ihr großes Talent ist unbestreitbar, aber um wenigstens einmal wirklich authentisch zu wirken, hätte sie einfach das Wörtchen "Tonight" im Titel der neuen Single weglassen sollen.

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Aus der 19. Ausgabe vom 23.05.2010