
Folge 9 by Melanie
Toni Braxton, Melissa Etheridge und The Scorpions - alle hatten sie ihre größten Erfolge in den Neunzigern und sind jetzt mit einem neuen Album zurück. Doch wie haben es diese "alten Hasen" geschafft, sich in einem Musikbusiness zu etablieren, in dem selbstgeschriebene Musik Mangelware und tiefgründige Texte eine Seltenheit sind?
Toni Braxton hat es sich relativ einfach gemacht - sie hat sich zumindest ein Stück weit angepasst. Früher zeichnete sie sich durch berührende Popballaden wie "Unbreak My Heart" aus, mit denen sie in den Neunzigern riesige Erfolge feiern konnte. Damit hat sie ihrem Dasein als Singer-Songwriter, was eigentlich auch für ehrliche Texte und eigene Melodien steht, alle Ehre gemacht. Doch auf der anderen Seite steht der Titel Singer-Songwriter auch dafür, dass man die Musik macht, von der man selbst hundert prozentig überzeugt ist, anstatt sich diese von einer Plattenfirma oder dem Musikbusiness vorschreiben zu lassen. Und genau bei dieser zweiten Seite, die den Künstler wirklich authentisch macht, beginnt man bei Toni Braxton zu zweifeln. Ihre neue Single "Yesterday" ist nämlich ein Duett mit R&B-Künstler Trey Songz, was das Lied gnadenlos im beinahe geforderten Einheitsbrei der R&B-Hits aus den Charts untergehen lässt. Vom Text her knüpft der Titel nahtlos an ihre altbewährten Erfolgssongs an, doch leider scheint sie auf der aktuellen Erfolgswelle von hauptsächlich R&B-Titeln oder Uptempo-Popsongs mitschwimmen zu wollen, die von angesagten Künstlern wie Jason Derulo oder Lady Gaga angeführt wird, anstatt es mit ihrem gewohnten Popballadenstil zu wagen. Diese falsche Vorsicht hat sich wohl nicht gelohnt, denn "Yesterday" war kein großer Chart-Erfolg.
Vielleicht hätte sie es besser so angehen sollen wie Melissa Etheridge. Diese setzt weiterhin auf rockige Songs, geprägt von ihrer Powerstimme, die man aus Neunziger-Hits wie "Like The Way I Do" kennt. Das bringt sie mit ihrem Album "Fearless Love" auf Anhieb auf Platz zehn in den deutschen Album-Charts. Dieser Erfolg liegt mit Sicherheit daran, dass ihre früheren Fans ihren Stil weiterhin mögen und natürlich gerne ein neues Album, bei dem sie sich selbst treu geblieben ist, kaufen. Dann kommen natürlich auch noch ein paar neue Fans dazu, die diese willkommene Abwechslung zu schätzen wissen, ihre Musikrichtung und ihre rockige Stimme mögen und schon ist Platz zehn geschafft.
Melissa Etheridge erfüllt den Begriff Singer-Songwriter voll und ganz: Ihre Texte sind offen und persönlich, meistens über ihre homosexuelle Beziehung, ihre Melodien hat sie selbst gemacht und ihrem Musikstil, der perfekt zu ihr passt, hat sie sich von Anfang an verschrieben und tut das weiterhin.
Dann wären da natürlich noch die Scorpions. Sie haben mit ihrer Mauerfall- und Wiedervereinigungshymne "Wind Of Change" vor allen Dingen Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger von sich Reden gemacht. Jetzt glänzt die deutsche Band mit ihrem wohl allerletzten Album "Sting In The Tail". Dieses steigt direkt auf Platz zwei in die Albumcharts ein. Deutsche Künstler findet man sonst im Moment nur in Form von Castingstars - Lena, Mark Medlock, usw. - in den Charts, die ihre Lieder von Dieter Bohlen oder sonstigen Produzenten geliefert bekommen. Also auch die Scorpions sind, wie Melissa Etheridge, eine wahre Abwechslung.
Bleibt nur zu hoffen, dass es in Zukunft noch mehr aufstrebende Künstler oder alte Hasen gibt, die so mutig sind, sich dem Mainstream zumindest ein bisschen zu wiedersetzen. An den Chartplatzierungen von Melissa Etheridge und den Scorpions kann man es sehen: Es lohnt sich. Denn es ist wahrscheinlicher, dass man als herausstechender Künstler jemanden dazu bewegt die eigene Platte zu kaufen, als dass man zufällig aus dem Einheitsbrei herausgefischt wird.
Aus der 20. Ausgabe vom 20.06.2010