Jahreszeit? Sommerwinter! by Anna


Da das Christkind anscheinend bestens über mein Dasein als Fashion-Victim und meine Vorliebe für Städtereisen Bescheid weiß, beschenkte es mich 2009 mit einer Kurzreise in die Elbstadt Hamburg. Außerdem ist ihm Hamburgs Existenz als "teures Pflaster" durchaus bewusst und erfreute mich deshalb mit einem zusätzlichen Einkaufstaschengeld.

Also stand ich nach einer nervenaufreibenden Zug-Odyssee am 2. Januar am Hauptbahnhof Hamburg und nach kurzem Einchecken im Hotel auch in der City, um mir augenblicklich eine Übersicht über das Einkaufs-Angebot einzuholen. Es sollte vielleicht gesagt sein, dass ich ein Paar Schuhe, das ich in der City gekauft habe, wenige Wochen später circa 20 Euro günstiger gefunden habe. Schnäppchen wird man in Hamburg also nicht viele finden.
Den Sonntag verbrachte ich mit einer Sightseeingtour, um mir Landungsbrücken, das legendäre St. Pauli und die Speicherstadt anzusehen. Zugegeben: wären Sonntags die Geschäfte geöffnet, so wären mir diese nicht-konsumorientierten Seiten Hamburgs sicherlich entgangen ;-).

Zum Glück wurden diese Umstände vom lieben Christkind berücksichtigt und mir blieb noch der komplette Montag zum exzessiven Geld ausgeben.
Betritt man ein Kaufhaus oder eine Boutique am Anfang des Jahres, so fallen grundsätzlich zwei Dinge auf: der riesige "Sale"-Tisch, um den unzählbar viele Frauen stehen und um jeden reduzierten Pullover mit ihren Konkurrentinnen kämpfen. Ein paar genervte Männer stehen einige Meter abseits. Bewusst aus der Schusslinie geflohen, fungieren sie hauptsächlich als Taschen- und Tütenträger. Und zweitens die riesigen Schilder in den Schaufenstern: "New Collection" oder "New Arrivals". Diese Reizüberflutung an "Spring/Summer 2010"-Reklame suggeriert uns zweifellos eines: "Ladies, kauft euch Shorts, Tops, Bikinis und High Heels, denn schon bald ist es warm!" Und wir geben uns tatsächlich der Versuchung hin.
Wir befinden uns am frühesten Beginn der Sommersaison. Selbst der milde Frühling, der uns Jeans mit T-Shirt gerade noch so verzeiht, ohne dass wir uns erkälten, liegt noch hoffnungslos weit hinten im Kalender. Trotzdem lassen wir die Hypnose der Sommermode widerstandslos über uns ergehen.
Wie kann es sein, dass wir uns so blenden lassen, wenn wir doch die Geschäfte verlassen und wieder zurück auf der breiten Fußgängerzone den eisigen Januar-Temperaturen ausgesetzt sind? Vielleicht ist unser Wunschdenken einfach dominanter als das realistische Bewusstsein, dass die ersten Wärme bringenden Sonnenstrahlen frühestens in 3 bis 4 Monaten auf unseren Körper treffen werden. Was gäben wir jetzt für einen gebräunten Körper und die Möglichkeit, all unsere Bikinis und Kleider tragen zu können ...
Dieser Marketingtrick funktioniert jedes Jahr aufs neue.

Meine eigene Bilanz dieses Shoppingtrips sind 3 Paar High Heels, die ich bei -5°C maximal in der Disko anziehen kann, 2 Kleider, deren Muster so farbenfroh sind, dass eine winterliche Kombination mit Stiefeln nahezu unmöglich ist, mehrere Tops, die im Winter nur unter einem Cardigan getragen werden können und so keinesfalls der Schnitt und die Farben richtig zur Geltung kommen, sowie eine Strandtasche und ein Tuch, dass als Pareo getragen werden kann - ohne Worte.
Nun warte ich also und hoffe jeden Tag, dass der Schnee endlich schmilzt und ich diese türkisen, an Perfektion grenzenden High Heels, die mittlerweile meine Lieblinge geworden sind, endlich auch tagsüber tragen kann, ohne Angst vor Erkältung und Blasenentzündung haben zu müssen.
Letztlich komme ich zur Erkenntnis, dass zwar die Modeindustrie ihren Teil dazu beiträgt, dass wir wenige Tage nach Weihnachten schon unsere ersten Sommersachen kaufen, doch gleichzeitig basiert der Hauptgrund dieses alljährlich wiederkehrenden Phänomens auf Autosuggestion. Das heißt, dass wir uns so sehr wünschen, in Röcken und Shorts durch die Straßen zu laufen, dass wir uns guten Gewissens selbst einreden, der Sommer stünde vor der Tür.
Selbst das wohl bedeutendste Modemagazin der Welt twittert bereits entschlossen die Verkündung des Frühlingsanfangs. Vielleicht nur aus dem einen Grund, der die Frauen in Mitteleuropa vereint: Der Wunsch, endlich wieder High Heels, Röcke und Kleider tragen zu können.
Aber Kopf hoch, liebe Frauen, die ihr doch schon in euren neuen Sandaletten in den Startlöchern für den Sommer 2010 steht: Die letzten Jahre haben immer wieder schon im März und April einige Wärmeperioden für uns bereit gehalten, also warum sollte es dieses Jahr anders sein? Und wenn uns die Sonne wirklich im Stich lässt, müssen eben die monatlichen Shopping-Ausgaben so drastisch reduziert werden, dass wir uns einen Urlaub leisten können, der für den nötigen Anlass zum Tragen unserer Sommergarderobe sorgt.
In diesem Sinne, prä-sommerliche Grüße von Anna

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Aus der 16. Ausgabe vom 21.02.2010