"Die Massai sind unglaublich" - Interview mit Jenny by Klappacom


Jenny hat mit einigen anderen Schülern und drei Lehrern des Gymnasiums Remigianums eine ganz besondere "Klassenfahrt" unternommen: Für etwa fünf Wochen ging es diesen Sommer nach Afrika, genauer gesagt in das arme Tansania, um die dortige Patenschule zu unterstützen. Ich habe ihr ein paar Fragen gestellt.

Zunächst: Was für ein Gefühl hast du vor allem anderen aus Afrika mitgenommen?

Na toll, direkt so eine schwere Frage (lacht). Mhm, was ich vor allem anderen mitgenommen hab', ist nicht direkt ein Gefühl. Ich habe einfach diese Herzlichkeit, die wir dort erfahren haben, mitgenommen. Ich glaube, dass wirklich kein Volk so herzlich und freundlich ist wie die Afrikaner bzw. wie die Massai.

Wie seid ihr überhaupt nach Afrika gekommen - gab es besondere Vorbereitungen und was waren deine Erwartungen an die Reise, bevor es los ging?

Oh ja! Wir haben ein Jahr vorher angefangen uns jeden Dienstag zu treffen. Da fing es dann an mit Sprachunterricht. Schließlich mussten wir uns ja auch ein bisschen verständigen können, da drüben. Allerdings ist Kiswahli ziemlich anders vom Wortklang her, und obwohl ich eigentlich gut Sprachen lernen kann, habe ich mir daran ein wenig die Zähne ausgebissen. So ging es allen anderen auch, also haben wir das nachher ein wenig links liegen lassen, aber die grundlegenden Sachen konnte man dann doch. ("Habari za leo?!"= Wie geht es dir?)

Dann wurden natürlich aller Hand Dinge besprochen. Man brauchte einen Reisepass, das Geld musste früh überwiesen werden (und das war schon eine etwas höhere Summe, um es nett auszudrücken ...) und schließlich mussten wir noch die Landkarten vorbereiten. Was es damit auf sich hat, erkläre ich aber besser später. Naja, und dann ging es eine Woche vor Ferienbeginn zum Düsseldorfer Flughafen und von dort aus nach Amsterdam. In Amsterdam sind wir in den Flieger zum Kilimanjaro Airport eingestiegen und nach acht Stunden Flug auch heile angekommen. Während ich im Flugzeug saß, war ich ganz aufgeregt. Man fragt sich natürlich, was einen dort so erwartet. Ich dachte, wir würden größtenteils an unserer Partnerschule in Tindigani mitten in der Steppe sein, und ich habe natürlich gehofft, dort ein paar neue Freundschaften schließen zu können. Man malt sich so einiges aus, aber letztendlich war es noch viel, vieeeeel besser, als ich es erwartet hatte.

Ihr seid dort ja sicherlich nicht nur zum "Urlaub" hingefahren. Was war der Anlass für diesen außergewöhnlichen "Schulausflug"?

Genau, nun komme ich zu der Sache mit den Landkarten. Wir sind nach Tansania geflogen, weil dort in einem kleinen Gebiet in der Steppe, das sich "Tindigani" nennt, unsere Partnerschule ist. In der Steppe befinden sich größtenteils die Massai, ein beeindruckender Volksstamm, die jedoch nicht das Geld und die Mittel besitzen, ihre Kinder zu einer anständigen Schule zu schicken. Also wurde dort durch die Spendengelder, die unsere Schule (Gymnasium Remigianum) z.B. durch Spendenläufe eingenommen hatte, eine Schule gegründet. Jedoch könnt ihr euch die Schule natürlich keineswegs so wie unsere deutschen Schulen vorstellen. Geld für Materialien wie Erdkundebücher ist auch nicht vorhanden, daher haben die Kinder keine Vorstellung davon, wie es auf der Welt aussieht. Da kommt also die Sache mit den Karten ins Spiel. Schon in Deutschland haben wir die Weltkarte und die Afrikakarte abgezeichnet und sie dann in Tansania durch eine bestimmte Technik an den Schulwänden angebracht. Jeder musste mit anpacken und es wurde ordentlich gepinselt. Und das alles unter den interessierten Blicken der Schüler. (Man konnte nicht einmal in Ruhe zur Toilette gehen, meistens wurde man von min. 5 Kindern begleitet ... x) ) Das mit den Karten war also unser Hauptanliegen.
Des weiteren wird dort gerade eine Mensa gebaut. Zur Zeit kochen die Frauen auf Steinen und mitten im Sand. Also haben wir einen deutschen Architekten engagiert, der in Tansania lebt, und dieser baut nun also von unseren Spenden eine vernünftige Küche und Plätze, wo die Kinder sitzen und in Ruhe essen können.

Außerdem haben wir noch eine Deutsche namens Angelika Wohlenberg besucht. Eine absolut faszinierende Frau, die unglaublich cool drauf ist. Sie lebt schon seit 27 Jahren in Malambo (ebenfalls mitten in der Steppe) und hilft dort den Massai und unterstützt sie. Sie ist einst als Missionarin dort hingekommen und leistet nun ärztliche Verpflegung und hilft den Massai wo sie kann. Sie hat ihnen auch dabei geholfen, eine Schule zu erbauen, die wirklich ein hohes Niveau hat. Dort haben wir dann eine Woche verbracht und einige ihrer Projekte kennen gelernt und auch viele neue Freundschaften geschlossen.
Es kamen auch noch einige andere Sachen hinzu, die liefen jedoch eher so nebenbei, deswegen muss das hier nicht großartig erwähnt werden. Wir waren z.B. bei Nafgem, einer Organisation die gegen Frauenbeschneidung ankämpft (auch super interessant, aber echt traurig und brutal) und bei einem Unternehmen, das Medikamente für Aidskranke herstellt und Erkrankte bis zu ihrem Tod begleitet. (Aids ist ebenfalls ein großes Thema in Tansania und vor allem für die Massai von Bedeutung, da immer mehr Menschen dieses Stammes an Aids sterben und daher der gesamte Massaistamm droht, auszusterben.)

Welche Eindrücke sind dir noch besonders von dort in Erinnerung?
Was gab es dort für besondere Erlebnisse?


Da fällt mir als allererstes der Hahn ein! Ihr werdet euch jetzt sicher fragen, wie ich das meine ... Ich habe nämlich von den Massai einen Hahn geschenkt bekommen! Eine ziemlich lustige Geschichte. Wir haben an einem Sonntag in der Kirche am Gottesdienst teilgenommen (nebenbei gesagt, gibt es da übrigens eine Kirche aus Erde, Ästen und Kuhmist gebaut) und zum Schluss habe ich im Namen aller Schüler eine kleine Rede gehalten und mich bedankt, dass alle so herzlich sind und dass es unglaublich toll ist, so nett aufgenommen zu werden. Als wir dann später beim Pastor zum Tee trinken eingeladen waren (auch nebenbei gesagt: Der Tee nennt sich Shai und ist absolut EKELIG und wir mussten ihn aus Höflichkeit bestimmt dreimal am Tag trinken ^^), kam plötzlich ein Massai auf mich zu mit einem Hahn auf dem Arm (ich ahnte schon böses, weil wir einen Tag zuvor ein Schaf geschenkt bekommen hatten) und tja ... ihr könnt es euch denken ... Mir wurde dieser Hahn in die Hände gedrückt. Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte und lachte eigentlich nur noch. Ich dachte, der Hahn wäre für die gesamte Gruppe (so wie das Schaf), doch dann erklärte mir Angelika, dass die Massai so begeistert von dem gewesen wären, was ich in der Kirche gesagt hätte, dass sie mir als Geschenk den Hahn geben wollten. Ich fands echt irre lustig und die anderen haben sich auch alle kaputt gelacht. Aber der Hahn tat mir richtig leid, und ich konnte ihn ja schlecht mit nach Deutschland nehmen, also landete er am nächsten Tag in der Suppe ... ist da nun mal so ... Als ich gesagt hab', ich wolle den Hahn mit nach Deutschland nehmen, haben die Massai gelacht und meinten zu Angelika, dass ich ein bisschen verrückt wäre, weil ich den Hahn nicht essen wollte, weil ich ihn so gern hätte.

Und toll waren natürlich auch die verschiedenen Orte, die wir besucht haben. Wir sind viel gewandert und haben dabei wirklich die tollsten Wasserfälle und die wunderschönsten Blumen entdeckt. Es ist absolut faszinierend, wenn man eine Stunde durch die staubtrockene Steppe läuft und plötzlich wie aus dem Nichts Palmen auftauchen und eine Art Teich. Eine heiße Quelle, die plötzlich einfach so aus dem Boden sprudelt. Echt klasse!!!
Und natürlich waren die Tiere etwas ganz besonderes. Ich sag euch, ich gehe nie wieder in den Zoo. Wenn man zwei Löwen einfach so am Wegrand liegen sieht, kommt es einem noch unrealistischer vor als im Film. Die Zebras waren nachher schon nichts besonderes mehr, weil sie einfach überall herumstanden, wie bei uns Kühe und Pferde (allerdings ohne Zaun). Und auch Giraffen haben wir häufig gesehen, wobei dort jede einzelne ein Highlight war. Seit der Reise sind Giraffen meine Lieblingstiere.
Allgemein gab es auch hier wieder viele Kleinigkeiten, die für mich persönlich als etwas ganz Großes wirkten, aber die kann ich einfach gar nicht alle aufzählen. Ich glaube die wichtigsten Sachen habe ich hier genannt! x)

Gab es etwas, wovor du dich in Afrika wirklich gefürchtet hast?

Nein. Die Leute waren alle super nett und haben ständig auf einen aufgepasst. Auch wenn man häufig von Leuten angesprochen wurde, waren sie nie aufdringlich. Die einzigen, die ein wenig aufdringlich waren, waren die Verkäufer. Aber die waren einfach nervig. Wenn man streng genug "NEIN" gesagt hat, sind die auch abgehauen.
Oh, aber einmal hatte ich doch Angst! Zumindest ein bisschen ... Dort stehen überall Männer in Uniformen mit riesigen Gewehren. Und einmal haben die unser Auto durchsucht ... warum auch immer ... Wahrscheinlich einfach nur, um zu zeigen, wie mächtig sie sind.Naja, die guckten auf jeden Fall ziemlich böse und das war mir nicht ganz geheuer. Aber unser Guide (von der Safari) und unsere Lehrer haben immer gut aufgepasst, also war das nicht so schlimm.

Wie war der Kontakt mit den Massai oder den Afrikanern allgemein?

Es war absolut nicht schwer, neue Kontakte zu machen. Wie ich vorhin schon mal erwähnt habe, wurde man auf Schritt und Tritt verfolgt. Für die Afrikaner gilt man als Weiße automatisch auch als reich (was selbst ich als Schüler im Verhältnis zu den Menschen dort auch sicherlich bin), jedoch wussten auch alle dort, dass wir da waren, um zu helfen. Also wurde einem ständig zugewinkt und jeder wollte dir mal die Hand schütteln. Total putzig. Hüten musste man sich jedoch vor den jüngeren Kerlen! Die sahen verdammt gut aus, aber wollten eigentlich nur an dein Geld! Zumindest kann man davon ausgehen ... Mir wurden drei Heiratsanträge gemacht, obwohl ich die Personen gerade mal einen Tag kannte. Das sagt ja schon alles. ^^
Mal abgesehen davon, habe ich mich in Gegenwart der Afrikaner immer wohlgefühlt. Wobei ich jetzt gerne unterscheiden würde zwischen Afrikanern und Massai. Die Afrikaner waren zwar immer nett und freundlich, jedoch wusste man nie genau, ob sie einfach so waren, oder ob sie sich etwas von der Freundschaft zu einem Weißen versprachen. Unser Guide z.B. schien total lieb, und wir hatten alle ein wenig Mitleid mit ihm, weil er noch so jung war und oftmals eingeschüchtert wirkte. Doch insgeheim war er ein absolutes Schlitzohr! Er hat uns viel mehr Geld abgeknüpft, als nötig gewesen wäre und hat wirklich an jeder Ecke versucht, noch ein paar Dollar rauszuschlagen. Aber man kann ihnen dafür auch keinen Vorwurf machen, wenn man weiß, wie schlecht es den Leuten dort geht.
Die Massai jedoch waren unglaublich. Die Leute haben wirklich NICHTS und wenn ich NICHTS sage, meine ich auch NICHTS. Und trotzdem haben sie für uns ein Festessen veranstaltet, alles getan, damit wir uns wohl fühlen und sogar für uns gebetet. Sie haben dafür gebetet, dass WIR erfolgreich sind, dass es UNS gut geht und dass WIR eine erfolgreiche Zukunft haben werden. Sehr berührend solche Worte. Sie sind für alles dankbar, was sie dort haben und obwohl man meinen sollte, dass wir Deutschen hier vieeel mehr haben, sind die Massai doch zehntausend mal glücklicher als wir. Jeder grüßt sich dort, man hat immer Zeit für den anderen. Es gibt dort auch ein Sprichwort, was meiner Meinung nach einfach nur wahr ist: Pole, pole! Das heißt so viel wie: Ihr habt die Uhren, doch WIR haben die Zeit!

Wie war das, etwa fünf Wochen lang so hart getrennt von Zuhause zu sein und die ganze Zeit mit einer Gruppe und Lehrern in der Wildnis zu verbringen?

Ganz ehrlich: Ich hatte kein einziges Mal Heimweh. Man hatte gar nicht die Zeit, an zu Hause zu denken, weil man andauernd unterwegs war. Außerdem bekamen wir jeden Tag so viele neue Eindrücke, dass wir abends einfach nur noch wie tot ins Bett gefallen sind und all diese Eindrücke erstmal verarbeiten mussten. Und mit der Gruppe und den Lehrern war es echt super. Wir haben uns alle sofort geduzt und einfach klasse verstanden. Klar, jeder hat so seine Macken, aber doch hat jeder, genau so wie er war, dort hingepasst. Es war ganz toll, mit den Leuten all diese Erlebnisse teilen zu dürfen, und ich würde mit der Gruppe, so wie sie war, sofort wieder nach Afrika fliegen, auch wenn es zwischendurch mal ein paar Meinungsverschiedenheiten gab. Aber das ist ja eigentlich klar, schließlich hat man fünf Wochen lang in Zelten zusammen verbracht.Da ist es eigentlich eher ein Wunder, dass wir uns nicht gegenseitig zerfleischt haben. :D Nein, mal ehrlich ,auch mit den Lehrern kam man super klar. Wir passten einfach alle prima zusammen.
Aber ich war dann auch ganz froh, wieder in Deutschland zu sein, und als ich meine Mama wieder im Arm hatte, kamen mir dann doch die Tränen ...

Hast du dich persönlich nach all dem verändert?

Auf jeden Fall. Man weiß die Dinge, die man hat, viel mehr zu schätzen. Ich habe fünf Wochen lang nur kalt geduscht und hatte zum Duschen auch nur einen Liter Wasser zur Verfügung. Man kann sich daran gut gewöhnen und auch wo ich wieder hier bin, bin ich immer noch mit allem sehr sparsam. Man achtet darauf, was man wegschmeißt (was Nahrung angeht) und was nicht, weil man genau weiß, dass es Kinder gibt, die an Hunger leiden. Sowieso habe ich gelernt ... wir Menschen hier wissen gar nicht was Hunger ist. Wir haben nie Hunger, sondern nur Appetit. Den Spruch versteht man erst wirklich, wenn man mal in Tansania war und die armen Kinder gesehen hat, die nur noch aus Haut und Knochen bestehen.
Zudem habe ich versucht, auch die Ruhe mit nach Deutschland zu nehmen. Wenn mal was nicht so klappt, wie man geplant hat, ist das nicht schlimm. Einfach ruhig und gelassen bleiben und dann wird das schon. Pole, pole! ;)
Was allerdings doch, zugegeben, manchmal ganz schön schwer ist, vor allem, wenn man mitten in einer Klausurphase steckt ...

Zum Schluss möchte ich allen Interessierten noch sagen: Wenn ihr irgendwann mal die Möglichkeit habt, nach Afrika zu reisen, nehmt sie wahr! Ich habe zwar noch nie so viele traurige Dinge gesehen, jedoch war es auch gleichzeitig eine großartige Erfahrung, die jeden im Leben nur weiterbringen kann!

Vielen Dank für das Interview!

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Aus der 24. Ausgabe vom 19.12.2010