Wattenmeer by Corinna


Ebbe - eine halbe Stunde vor dem Sturm.


Nordsee Ebbe© Corinna

Grüne Bojen, eine orange, weiße Kugelbojen, rote Kreuze auf weißer Stange.
Ablaufendes Wasser. Wo ist das Meer, wenn man es braucht?
Die ersten, die sich in den Schlick begeben, versinken knietief. Unsicheres, ungelenkes, um Gleichgewicht ringendes Gestapfe. Wasser zieht sich zurück, gibt den Meeresboden frei und liefert seine Bewohner der Sonne aus. Am Deich Spaziergänger, Jogger und Kinder mit Eimern und Netzen.
"Keine Pommes, kein Wasser hier, Scheiß Strand und Punkt", ruft der Vater mit dem dicken Bauch und einem Drachen in der Hand, die Frau daneben schweigt, ein betrübt dreinblickender Sohn trottet hinterher. Grauer Schleier über Schlick, silbergrau verschwimmen die Reste des Meeres mit dem Horizont, wäre da nicht ein schmaler grüner Streifen, der den endlosen Blick aufs Meer verhindert und auf dem man Lastwagen langsam ziehen sieht. Über allem aufgeregt mürrisches Geschrei der Möwen. Unentwegte nutzen ihr Strandkorb-Abo.
Eine junge Mutter mit einem Baby auf dem Arm watet in den Schlick, bei jedem Schritt schmatzt und spritzt der Modder. Der junge Vater folgt zögernd mit dem Fotoapparat. Die Mutter hat das Baby neben einem Wasserloch abgesetzt.
Meine weiße Tasche voll schwarzer Gewitterfliegen.
Eine Gruppe Jugendlicher, bewaffnet mit Spaten und Eimer rückt an. Die junge Mutter amüsiert sich über ihr im Matsch krabbelndes Baby. Die Jugendlichen schaufeln den Schlick in einen riesigen Eimer. Eine Handvoll Schaulustiger sammelt sich am Ufer, um das Baby im Wasserloch. Digitale Fotos der Eltern fürs Familienalbum.
Wanderer am Ufer: "Das ist sehr gesund für die Füße! Kannst du dich erinnern, dass ich mal diese Beschwerden am Zeh hatte?" Mutter und Baby sind inzwischen aus dem Schlick zurück, am Ufer befreit ein eiskalter Wasserstrahl die weiße weiche Babyhaut vom schwarzen Meeresboden.
Noch eine Familie im Schlick. "Oma, ich habe schwarze Socken an!" Oma findet eine Muschel: "Schau mal wie schön!" "Die ist tot", meint Opa.
"Man kann auch mal dran riechen. Wenn sie nur ein wenig stinken, sind es nur die Häute, wenn sie ganz doll stinken ..." Der Jugendliche mit den Rastalocken und der Grabungsgabel erklärt einigen Kindern die Funde im Eimer.
Dahinten kommt ein pinkfarbenes Kleid mit Blümchen ans Ufer: "In drei Stunden ist es trockener!" In der Fahrrinne fährt noch ein Kutter aus. Fröhliches Rot und Grün mitten im silbrigen Grau.
Zwei junge Frauen mit weißen Handtüchern lassen sich nahe am Ufer nieder. Betrübte, skeptische Blicke suchen das Wasser, die Sonne. Ein pinkfarbenes und ein oranges T-Shirt versuchen im Schlick zu rennen. "Weißt du was nächste Woche los ist, wenn das Wasser auch mittags da ist?" "Dann bin ich nicht mehr da", antwortet das orange T-Shirt. Der Rasta-Typ mit der Spatenexpedition kehrt zurück.
Vier Touristen mit hochgekrempelten Hosen gehen ins Watt. Haben sie einen süddeutschen Akzent? "Ich will euch knietief sehen", ruft der Anführer im roten Hemd, der sich schnell weit vorwagt und sich ständig nach irgendetwas bückt. Die anderen waten langsam, damit es nicht zu sehr schwarz hochspritzt, zurück ans Ufer. Schnell müssen die Füße wieder sauber gewaschen werden. Der Anführer läuft schon weit hinten, sich unentwegt bückend.
Rasta-Man hält etwas Wichtiges in der Hand. Die Kinder mit Netz und Eimer folgen zur Analyse. Die Touristen brauchen zehn Minuten, um ihre Füße zu waschen, aber der Anführer watet in Schlangenlinien immer noch wankend im Schlick. Er fischt etwas heraus und wirft es wieder weg. Dann ist er zurück mit einer Handvoll Muscheln. Außerdem trägt er eine Handytasche am Gürtel und eine Sonnenbrille am langen Band um den Hals. Auch die Muscheln werden gewaschen.
Die beiden jungen Frauen auf den weißen Handtüchern haben Bücher dabei und lesen. Ein dreijähriges Mädchen watet nackt durch den Schlick. Aber nackt ist sie nicht wirklich, schon trägt sie einen schwarzen blickdichten Anzug. Nun ist auch am Horizont kein Wasser mehr zu sehen. Schrilles Pfeifen der Möwen. Die jungen Frauen falten ihre Handtücher, sie wollen essen gehen. Der Anführer geht einsam am Ufer, seine Gruppe ist nicht mehr zu sehen.
Vom Land her dröhnt Gewittergrollen.

Flut am Mittag


Nordsee© Corinna

Silbergraue Haare im blitzenden Wasser, eine schwarze Badekappe türmt sich über der Gischt. Regelmäßig brechen sich die Wellen am Ufer, aufgeregte Kinder rennen auf dem Steg hin und her, Netze werden ausgeworfen. Seetang schwimmt grün-schwarz im grauen Wasser, darüber Cumulus-Wolken. Eine einzelne Möwe fliegt lautlos über die stetig wachsenden Wellen. Eilig werden Strandkörbe zur Sonne ausgerichtet und bezogen, für einen Nachmittag zur heimischen Zuflucht.
Ein alter Mann im Gummiboot treibt, wiegt rücklings sich in den kalten Wassern, Wellenspritzer blitzen gläsrig auf. Worte der Kinder werden vom Wind getragen und vermischen sich zu einem fröhlichen Gesang. "Nicht abhauen!", "Booo!", "Wie groß!", "Raus!" das Netz. Ein Sportflugzeug zieht seine Kreise. Vom grünen Streifen senden die Autos metallisch-blitzende Signale in der Sonne.
Vier Jugendliche tasten sich ins Wasser. Ein rosa Bikini springt entsetzt zurück. Sie stehen gedrängt an der Treppe, der rosa Bikini jetzt ganz hinten. 18°C Wassertemperatur. Kurze blonde Haare auf einem braungebrannten Körper kommen erfrischt aus dem Wasser, mit Sonnenbrille. Und ich muß fort.

»Einen Kommentar schreiben


Aus der 11. Ausgabe vom 13.09.2009