Reisetagebuch: Wien (Teil 1) by Nadjen


Montag


"Willkommen in Wien Westbahnhof."
Ich wuchte meinen Koffer aus dem ICE. Mein Blick fällt auf ein großes Plakat. Es zeigt den Umriss eines traumhaften Shopping Centers. Darüber steht geschrieben: "Ihr neuer Westbahnhof Wien". Während ich die Rolltreppe hinunterfahre lege ich meinen Plan für die nächste Woche in Wien noch einmal um und plane einen Shopping Tag hier ein.
Aber laute Geräusche lassen mich erahnen, dass ich den Tag gleich wieder streichen kann. Ich laufe durch eine Tür und stehe vor einer sehr großen Baustelle. Mein Traumshoppingcenter ist halt immer noch ein Traum.
"Und wie kommen wir jetzt zum Hotel?"
Mein Blick fällt auf ein U-Bahn Schild. Ich steuere in diese Richtung und will schon die Rolltreppe hinunter fahren, da ruft mir jemand zu:
"Nein! Wir fahren doch nicht mit der U-Bahn. Wir laufen."
Das ist ein Scherz. Ich kehre wieder um. Nein, es ist kein Scherz. Wir laufen wirklich mit unseren Koffern im Schlepptau durch Wien. Entlang an vielen Läden, Eiscafés und Imbissen. Nebenan eine gut befahrene Straße. Während wir an einer Ampel warten, fährt eine Straßenbahn an mir vorbei. Die sehen hier ja echt schick aus. Und ganz ohne Werbung. Die Fußgängerampel wird grün und wir laufen weiter. Die nächste Ampel zeigt sogar schon grün. Aber merkwürdig, sie blinkt. Um danach auf orange und dann auf rot umzuschalten. Aha, die Österreicher brauchen also noch eine Vorwarnung für rot.

Ich sehe eine Temperaturanzeige. Oh, so warm ist es? So warm kommt es mir gar nicht vor.
"Das kommt von dem Wind. Hier in Wien weht immer ein kleines Lüftchen", erfahre ich. Aha, sehr praktisch. Dann haben wir auch unser Hotel erreicht.
Nachdem wir eingecheckt und unsere Zimmer erkundet haben, ziehen wir schon wieder los. Und auch diesmal laufen wir.
Unser Hotel liegt auf der Äußeren Mariahilfer Straße. Eine optimale Shoppingstraße ist die Innere Mariahilfer Straße. Dahin kommt man, indem man entweder über eine große Kreuzung mit ganz vielen Ampeln läuft oder durch die U-Bahn Station. Wir nehmen letztere Möglichkeit und nach wenigen Schritten erstreckt sich die optimale Shoppingmeile vor mir.
Nach kurzer Zeit habe ich einen riesigen Buchladen entdeckt.
Ich entscheide mich für ein Buch mit einem großen Aufkleber vorne drauf "Sonderpreis".
Doch meine Vorfreude es zu lesen, löst sich an der Kasse in Luft auf.
Die Verkäuferin nennt mir einen anderen Preis.
"Aber da steht doch Sonderpreis drauf", demonstriere ich. Der Finger der Verkäuferin wandert auf einen Buchstaben, der in eckigen Klammern neben dem Preis steht. Da steht ein [D]. Ja und?
"Das ist der deutsche Preis."
In meinem Kopf rattert es. Stimmt. Ich bin ja in Österreich und hier sind die Bücher teurer.
"Oh", meine ich nur und lasse das Buch an der Kasse zurück. Dann kaufe ich es mir, wenn ich wieder daheim bin. Das war dann auch mein letzter Besuch in einem Bücherladen für diese Woche, noch einmal wollte ich mich nicht blamieren.

Dienstag


"Aufstehen!"
Ich werde mitten in der Nacht geweckt. Wieso denn jetzt schon? Ich habe Ferien! Ich will ausschlafen! Ich verstecke mich unter der Bettdecke und schlafe weiter. Das klappt auch ganz gut. Aber leider nur zehn Minuten lang.
"Los! Sonst kommen wir zu spät zum Frühstücksbuffet. Und wir verpassen den Bus."
Frühstücksbuffet? Bus?
Ich drehe mich herum. Moment. Eigentlich hört da doch mein Bett auf. Aber ich liege in einem Doppelbett. Langsam öffne ich ein Auge.
Ach ja. Ich bin ja gar nicht daheim. Es ist die erste Ferienwoche, und ich befinde mich in Wien in einem Hotel. Schnell stehe ich auf und mache mich fertig.
Als ich wenige Minuten später das große Frühstücksbuffet erblicke, läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Sind das alles leckere Sachen!
Nachdem ich sehr gut gefrühstückt habe und wir noch mal kurz im Hotelzimmer waren, warten wir in der Lounge auf unseren Abholdienst, der uns direkt zum Busbahnhof bringen soll, wo unser Sight Seeing Bus steht.
Wir warteten schon ziemlich lange und ich frage nach, ob ich mir mal den Schein anschauen darf, den meine Mitreisende in der Hand hält.
Ja, drei Personen sind abzuholen. Der Name stimmt auch. Die Uhrzeit ... Moment. Wie viel Uhr haben wir?
"Wir sind doch viel zu früh dran, unser Abholdienst kommt erst in zwanzig Minuten."
"Was? Zeig mal. Oh, stimmt. Da habe ich mich wohl vertan."
Ich merke, wie ich innerlich ein bisschen wütend werde. Ich hätte noch gute zwanzig Minuten länger schlafen können!
Okay ... einfach-nicht-aufregen ...
Pünktlich zur vereinbarten Uhrzeit erscheint dann auch der Kleinbus. Wir steigen ein und werden zum Busbahnhof gefahren. Dabei wundere ich mich, wie man auf diesen breiten und vollen Straßen Auto fahren kann. Ich würde freiwillig meinen Wagen daheim stehen lassen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, wenn ich in Wien wohnen würde. Aber, dass es so voll ist, ist auch kein Wunder. Wien ist riesig!
Meinen Verdacht, dass es hier auf den Straßen in Wien nicht einfach ist, Auto zu fahren, bestätigt sich auch bei unserer Sight Seeing Tour in einem Reisebus. Wir stehen öfter als wir fahren. Was aber gar nicht schlecht ist, denn so lassen sich sehr gut Fotos schießen.
Wir fahren ins Zentrum von Wien. Wien ist in verschiedene Bezirke geteilt, die jeweils mit einer Nummer bezeichnet sind. So ist das Zentrum der Bezirk eins. Vor jedem Straßennamen steht jeweils die Nummer, so weiß man immer, in welchem Bezirk man sich befindet.
Wir fahren auf der berühmten Wiener Ringstraße entlang. Sie ist circa fünf Kilometer lang und ein Großteil des ersten Bezirks. Die Häuser, die entlang der Ringstraße stehen sind nicht älter als 150 Jahre, denn die Stadtmauer und auch die Ringstraße wurden im zweiten Weltkrieg zerstört und mussten wieder aufgebaut werden. Weiter geht es vorbei an der Hofburg, dem Stadtpark, der Staatsoper und einer großen Statue von Goethe.
Entlang schön verzierter Gebäude geht es zum Schloss Schönbrunn.
Wir machen eine kleine Führung. Das Schloss ist wirklich wunderschön.
Es war auch Sitz der ersten österreichischen Kaiserin Maria Theresia. Sie war Mutter von sechzehn Kindern. Unter anderem auch von Marie Antoinette, bekommen wir erzählt.

Der Schlosspark ist ziemlich groß. Dort gibt es auch den "Tiergarten Schönbrunn", in dem es sehr viele verschiedene Tierarten gibt. Aber leider haben wir keine Zeit, ihn zu besichtigen. Es geht wieder zurück. Diesmal werden wir an der Wiener Staatsoper zurückgelassen und machen uns zu Fuß auf den Weg. Wir gehen durch einen Park und sehen eine weiße Statue von Wolfgang Amadeus Mozart. Vor der Statue erstreckt sich ein Blumenbeet. Von vorne ist ein Violinschlüssel aus roten Blumen zu erkennen.
Oh. Ups. Ich bemerke, dass ich die ganze Zeit vor einer Kamera herumgeturnt bin. Na, hoffentlich war die nicht an. Der Kameramann sieht mich jedenfalls nicht gerade begeistert an. Schnell weg. Ich laufe noch ein wenig vor dem Gebäude der Nationalbibliothek herum, bis wir schließlich weiter zur Hofburg gehen. Die ist ganz schön groß.

Während meine beiden Mitreisenden Fotos schießen, begebe ich mich zu den wunderschönen Pferdekutschen, die an der Seite parat stehen. Man kann mit so einer Fiaker eine Stadtrundfahrt machen, was aber auch nicht gerade wenig kostet. Ich streichel einem der Pferde den Hals. Auf einmal stehen eine Japanerin neben mir und weitere Landsmänner und Frauen vor mir. Einer mit einem Fotoapparat in der Hand. Ich will mich gerade verdrücken, weil ich ja sicher störe, da deuten mir die Japaner an, stehen zu bleiben. Aha. Also lächele ich einfach mal in die Kamera. Dann tauscht die Frau den Platz mit einem japanischen Mann, der ebenfalls mit mir fotografiert werden will. Kaum sind die Fotos gemacht, bedanken sich die Japaner ausführlich bei mir und verschwinden. Ich muss grinsen. Aha, die wollten also mit mir ein Foto machen. Abenteuerlich. Vielleicht haben sie gedacht, ich sei eine Österreicherin ... und wollten unbedingt mit einem Landsmann, nein, -mädchen ein Bild machen.
Ich entdecke wieder meine beiden Mitreisenden.
"Stellt euch mal vor, da waren eben so Japaner, die wollten Bilder mit mir machen", erzähle ich noch ein wenig aufgeregt.
"Jaja, wir haben es gesehen. Wie lustig."
Dann laufen wir weiter durch den Garten der Hofburg. Dort findet sich auch eine Statue von Elisabeth. Mit der Aufschrift: Kaiserin von Österreich. Ach ja, hat sie nicht in der Hofburg gelebt?
Nun treibt uns der Hunger auf ein großes Festgelände mit vielen Imbissständen. Auf dem Platz vor dem Rathaus findet zur Zeit das Film Festival statt. Aber da wir keine Bratwurst für vier Euro essen wollen, laufen wir zum nächsten Fast Food Laden.
Nach einer Stärkung geht es wieder zurück zur Hofburg, weil wir uns das "Sisi Museum" anschauen wollen. Wir bekommen lustige Audioguides. Im Museum befinden sich ganz viele Nummern, die wir in das Gerät eingeben müssen. Dann halten wir es wie ein Handy an unser Ohr und uns wird etwas über das Stück, vor dem wir stehen, erzählt.

Zuerst besichtigen wir die Silberkammer. Die finde ich persönlich ein wenig langweilig, ich will endlich etwas über Sisi erfahren und nicht etwas über das Besteck, mit dem sie vielleicht gespeist hat. Anschließend werden meine Erwartungen mehr als übertroffen, wir erfahren wirklich alles über das Leben der jungen Kaiserin und was anders war, als in den vielen Spielfilmen über sie. Endlich sehen wir, wie und wo sie gelebt hat. Wir laufen durch das Arbeitszimmer ihres Mannes, durch ihr eigenes Zimmer und durch ihr Turnzimmer, in dem sie sich fit gehalten hat.
Als wir schließlich das Museum mit neuem Wissen über Sisi verlassen, laufen wir in die Altstadt.
Dort essen wir erst einmal und dann geht es weiter Richtung Stephansdom.
Ich entdecke ein wunderschönes Gebäude, in dem sich ein sehr berühmter und auch bei Deutschen sehr beliebter Klamottenladen befindet, der aber leider schon zu hat. Ich lasse mich davor fotografieren. Als ich mir die Fotos anschaue, macht ein, ein, - ja, was soll das sein? Ein als Horrormann verkleideter Typ auf sich aufmerksam. Er zeigt auf die Kamera und auf mich. Ich habe gar keine andere Wahl. Ich laufe zu ihm und wir machen zusammen ein Foto. Klar, dass ich um eine kleine Spende nicht herum komme.
Das ist aber an diesem Abend nicht der einzige verkleidete Mann, mit dem ich ein Foto mache. Vor dem Stephansdom ist jede Menge los. Klar, es ist ja auch schon abends. Bevor ich mir den berühmten Dom genauer ansehe, beobachte ich einen weißen Soldaten. Also, einen Mann, der als solcher verkleidet ist. Er lässt sich mit vielen Leuten fotografieren. Aber er ist nicht der einzige. Meine zwei Mitreisenden haben längst einen anderen entdeckt: einen, der total in schwarz gekleidet ist. Ich laufe also zu den beiden, aber nicht, ohne den weißen Soldaten noch einmal anzuschauen. Dann traue ich meine Augen kaum, der Soldat zwinkert mir zu und wirft mir sogar eine Kusshand zu. Habe ich das eben geträumt? Schnell drehe ich mich um und laufe zu den anderen beiden. Die eine gesellt sich zu einem in schwarz verkleideten Mann und ich fotografiere sie. Dann werde ich zwangsläufig noch einmal zurück zu dem weißen Soldaten geschleppt. Der erkennt mich doch gleich wieder und deutet mir an, zu ihm zu kommen. Mir bleibt schon wieder keine andere Wahl. Wir machen noch ein paar Fotos zusammen und ich gebe ihm ein wenig Geld. Dann laufen wir zur U-Bahnstation. Aber nicht ohne vorher noch einen Blick auf den Stephansdom im Dunkeln zu erhaschen. Ein wunderschöner Anblick ...

Stephansdom in Wien

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Aus der 22. Ausgabe vom 26.09.2010